• Artist Statement

    In meinen Bildern konzentriere ich mich auf das Eigenartige und das Wesenhafte von Menschen, Tieren und Pflanzen.
    Den Fokus richte ich ganz auf den Charakter, indem ich die Protagonisten meiner Bilder aus einem gegenstandslosen Raum heraus modelliere. Nur selten sind Elemente auf der Bildfläche zu sehen, die eine räumliche Orientierung geben. Im Gegensatz dazu sind die Spuren des Lebens detailliert zu erkennen, insofern diese charakterbildend sind: Falten und Narben auf der Haut oder den Stoffen, deren Oberflächen auf innere psychische Zustände schließen lassen und insgesamt Haltung ausdrücken.
    Zwischen Betrachter und Bildnis schaffe ich im Gegenüber einen imaginären Raum, zwischen dem es möglich wird, über die eigene Existenz als eigenartige Erscheinungsform zu reflektieren.

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    In her pictures, Babette Brühl concentrates entirely on the peculiar and essential elements of people, animals and plants. In doing so, she directs the focus entirely on the character by modeling the protagonists of her pictures from a non-representational space. Elements that provide spatial orientation can only rarely be seen on the picture surface. In contrast to this, the traces of life can be recognized in detail, insofar as they are character-forming: wrinkles and scars on the skin or on materials, the surfaces of which suggest inner psychological states and forms express posture.
    Babette Brühl works on classic materials such as paper and canvas, paints and pigments, pens and brushes. In her artistic design, she refers to old master techniques and uses them to show the observer the ambivalence of contemporary phenomena. She painterly models bodies and organic forms in light and shadow. She accompanies her creative processes with photography, her photographs document forms of appearance and are at the same time a sketchbook.
    Opposite, Babette Brühl creates an imaginary space between the viewer and the portrait in which it is possible to reflect on one's own existence as a peculiar appearance.

  • Texte zu den Projekten

    GOLDKINDER

    Die Werkgruppe GOLDKINDER umfasst eine Serie von insgesamt 15 Gemälden. Es sind Bildnisse von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die von Gold ummantelt sind. Alleine oder zu zweit stehen sie in einem undefinierbaren Raum, der erfüllt ist von einem warmen Dunkel.
    Mit dem ruhigen Blick und der aufrechten Haltung erscheinen sie dem Betrachter als Majestäten. Doch ihre Goldroben sind nichts weiter als Rettungsfolien aus gefärbtem Plastik und aufgedampftem Aluminium. An den Küsten Europas werden sie denjenigen umgelegt, die alles verloren haben, weil sie vor Gewalt und Krieg fliehen mussten.
    Die Portraitierten sind Straßen- und Flüchtlingskinder, die ich persönlich kenne und Kinder und Jugendliche aus meinem Freundeskreis. Sie entstammen aus Polen, Afghanistan, Cuba, Syrien, Irak, Nepal, Deutschland, Frankreich, Marokko... Sie alle sind ´Kinder dieser Erde´ und stehen für eine Welt, in der sich alle wertschätzen und in der sich offen begegnen.


    ORPHELIAS TRAUM

    OPHELIAS TRAUM – Der stille Atem von Wasser

    Wenn Ophelia unter Wasser hätte atmen können, was hätte sie dann entdeckt? Den wolllüstigen Zauber ihrer fleischlichen Gestalt? Die Kraft von weiblicher Lust? Die Schönheit ihres sinnlichen Körpers? Sich selbst als machtvolles Lebewesen?

    Während des Malprozesses entdeckte ich geheimnisvolle Zeichen, die durch Brechung des Lichts entstanden, Hyroglyphen gleich. Ich malte Wirbel, die den Körper umflossen, Teile verzerrten und zu neuen Formen wurden. Jede Bewegung führte zu einer anderen. Linien und Flächen tanzten umeinander, verwandelten sich zu einem Ganzen, in dem alles miteinander verbunden ist durch einen einzigen stillen Atem.


    GENESIS

    zeigt auf zwei Gemälden großformatig die alten Hände meiner Eltern. Gemeinsam mit ihnen habe ich nach einer charakteristischen Haltung gesucht, in der sich die Linke und die Rechte begegnen.
    Während des Malprozesses wurde ich an das Leben mit ihnen durch die Vielfalt ihrer Berührungen erinnert. Sie haben mich gestreichelt, erfasst, ergriffen, getragen, geschlagen, gehalten, umarmt und liebkost.
    Die Portraits entstanden in Zusammenhang mit der Ausstellung ´Die Denkende Haut - The Perfect Sense´, zu der ich eingeladen war, eine malerische Position zu bekleiden. Ich entschied mich für eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit unserem größten Sinnesorgan, dem Tastsinn.


    DER LIEBENDE BLICK

    Luca, Marie, Kyrill, Hannah, Noel, Hermina, Jesse, Franzi, Samuel, Dominik und Chris zählten zu den über 38 000 Jugendlichen, die allein in Deutschland als Straßenkinder leben und die mit Hilfe von ´KARUNA – Zukunft für Kinder und Jugendliche in Not´ ein neues Leben beginnen wollen.
    Über den Blick nehmen Lebewesen Kontakt zu anderen auf. Der Psychoanalytiker Heinz Kohut (1913 – 1981) sprach vom „Glanz im Auge der Mutter“. Man könnte es auch ´Der liebende Blick´ nennen. Menschen wie Tiere setzen ihn ein, um ihren Jungen ohne Worte zu sagen: „Alles ist gut. Du bist genau richtig. Wie schön, dass es dich gibt.“


    DAS ICH IM ANDEREN

    Im Sommer 2010 gründeten 10 Künstler die „gruppezwanzigzehn“. Ziel war es, das Künstlerportrait in den
    Mittelpunkt der Betrachtungen zu stellen.
    Über zwei Jahre lang waren wir einander Modell, um „Das Ich im Anderen“ sichtbar werden zu lassen. So entstanden über zehn mal zehn Portraits.
    Das Interesse galt sowohl der Vielfalt, die jeder Künstler in seiner Technik zum Ausdruck bringt, als auch der Ähnlichkeit, mit der alle eine Persönlichkeit erkennbar visualisierten.
    Während der Ausstellungen wurden die insgesamt 100 Portraits in zwei Hängungen gezeigt:
    In der ersten wurden die Portraits dem jeweiligen Künstler zugeordnet, in der zweiten dem jeweils Portraitierten.


    DAS  ANIMALISCHE  PORTRAIT

    Tiere waren einst ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens. Dem Menschen waren sie Freund und Feind, Partner und Herausforderer, Beschützer und Gegner.
    Wir jagten und bewunderten sie, suchten ihre Nähe, lebten und starben mit und durch sie. Ihre Kraft, ihre Fähigkeiten, ihre Eigenheiten wurden für uns zum Symbol einer ambivalenten Kraft, die uns allen innewohnt.

     

    E A T A B L E S – das Projekt

    Über 4 Milliarden Menschen leben heute in den wachsenden Millionenstädten. Das Fleisch von Tieren kauft man fragmentiert, in Plastik gepresst, keimfrei angerichtet. Lediglich die Benennung auf dem Preisschild ermöglicht noch die Zuordnung zu der jeweiligen Art von der es stammt.

    Einst verkörperten Tiere auf Hieroglyphen die Kraft und die Fähigkeiten von männlichen und weiblichen Göttern und Pharaonen. In der Griechischen Mythologie nahmen die Götter deren Gestalt an oder sie waren angesehene Gegner männlicher sowie weiblicher Helden. Tiere trugen Namen, die ihre Hoheit lautmalerisch erklingen ließen. Heute sind sie namenlos.

    Stundenlang verbrachte ich Zeit in Ställen und auf Weiden. Genau wie wir Menschen lieben und leiden Tiere. Oft dauerte es lange, bis sie mir vertrauten und nicht mehr auswichen und mich näher kommen ließen.
    Auf großen Zeichnungen in Tusche auf Papier habe ich sie dann bis ins Detail studiert. Linie für Linie lernte ich deren Architektur verstehen und mit ihr das Wunder einer Schöpfung, die für jede Funktion eine neue Form oder ein Material erfunden hat.

    Durch die E A T A B L E S möchte ich die individuelle Schönheit eines jeden Tieres sichtbar machen und benenne diese. Im frontalen Gegenüber fordern die Portraits den Betrachter von Angesicht zu Angesicht dazu auf, die Würde eines jeden Tieres anzuerkennen und damit die dringende Notwendigkeit sie mitfühlend zu behandelt.

     

    Enten

    Wie eine Majestät ruhte sie auf weichem Gras im Schatten eines Baumes am Hinterbrühler See und döste. Ein elegantes Federkleid in geometrischem Muster umhüllte das Volumen ihres Körpers wie eine Robe in Braun, Schwarz und Weiß. Ein schlanker Hals wand sich aus dieser Symmetrie hervor und trug einen fein gezeichneten Kopf. Seelenruhig blickte sie mir entgegen, während ich mich näherte.

    Immer wieder nahm ich die Kamera weg, um direkt in die Augen dieser Hoheit zu schauen. Ihr ruhiger Blick wanderte durch mich hindurch, so als würde sie etwas wahrnehmen, das weit
    hinter meinen Pupillen lag.

     

    AUEROCHSEN – das UR-Rind

    Wir standen am Zaun und warteten. In der Ferne sah ich die 40 ´Uren´ auf der Weide in einem weiten Tal stehen. Alle Rinder Europas, Asiens und Afrikas stammen vom Auerochsen ab. 1627 war der letzte in Europa gestorben. Seit den 1920iger Jahren züchtet man deren Nachkommen das ´Ur´.

    Neben mir stand Katrin Schwimmer. Ihr Vater hatte in den 1980iger Jahren die verrückte Idee, das Ur in seine Heimat nahe Eichstätt zu bringen. Die Uren sind hochgewachsene Tiere mit einer Schulterhöhe von über 180 Zentimetern. Ihre Hörner können bis zu Zentimeter cm lang werden, ihre Körper bis zu einer Tonne schwer. Sie leben völlig auf sich gestellt in diesem sumpfigem Gebiet. Bis heute war keines von ihnen jemals krank oder verletzt.
    Zwei Mal im Jahr müssen einige Tiere getötet werden, damit das Futter reicht. So ein Wildtier in einen Hänger zu ziehen ist unmöglich und lebensgefährlich. Also wird es auf der Wiese
    erschossen. Drei Tage lang suchen die zurückgebliebenen Uren den Unauffindbaren. Ihr
    lautes Rufen hört man bis in das zwei Kilometer entfernte Dorf.

    Nur durch einen dünnen Draht standen wir von von der Herde getrennt. Aber der hatte es
    in sich, wie ich später noch am eigenen Leib heraus finden sollte. Und das sei auch gut so, lachte Katrin. Die Uren haben keine Angst vor den Menschen und seien sehr angriffslustig. Wenn ich Glück hätte, dann könne ich sie gegen Mittag dort hinten sehen. Sie wieß an eine Stelle weit entfernt. Am Nachmittag, seien sie meist auf der gegenüberliegenden Seite.
    Mir wurde klar, dass ich die Photographie welche ich zum Zeichnen bräuchte, wahrscheinlich nicht bekommen würde. Meine Objektive sind nicht ´stark´ genug. Ich arbeite nur mit einem 70iger Tele, weil es mir wichtig ist, wirklich in Kontakt zu kommen. Und das würde hier für eine Nahaufnahme nicht reichen.

    Am hinteren Teil des Zaun angekommen, faltete ich meine Rettungsfolie, die ich als Picknickdecke dabei hatte, auseinander, so dass diese im Wind flatterte und bekam ordentlich eine gewischt. Während ich mich noch sortierte, sah ich, wie die Uren ihre Köpfe hoben und ihre Schritte neugierig in meine Richtung lenkten. Das knisternde Gold interessierte sie und sie kamen immer näher, vorne weg ein Jungbulle. Dahinter schritt eine Kuh, die mich kritisch
    beäugte. Alle anderen folgten, mittendrin ein großer Bulle. Aufrecht standen sie mit erhobenem Haupt vor mir.

    Über ernst drein blickenden dunkelbraunen Augen mit langen Wimpern haben die Uren blonde Ponyfrisuren, was ihnen das Aussehen von grimmigen Beatles verleiht. Ich ´schoss´ die ersten Bilder. Bald wandte sich der große Bulle zum Gehen und die anderen folgten ihm ruhigen Schrittes nach.

    Mittlerweile war es Mittag geworden und ich aß meine Butterbrote auf meiner Golddecke. Würde ich die Uren noch ein Mal zu mir locken können? Nach einem weiteren Fußmarsch, stand ich wieder mit ausgestrecktem Arm und wehendem Gold am gegenüberliegenden Ende des Zaunes. Und tatsächlich! Wieder näherte sich vorneweg der Jungbulle mit der Herde, Vaterbulle in angemessenem Abstand inmitten der anderen, MamaUr in der Nähe ihres neugierigen Sohnes. Aber immer noch war der geladene Zaun zwischen uns und ließ keine Nähe zu. Und dann geschah das Wunder:

    Angeführt von deren Oberhaupt schritt die Herde weiter zu dem massiven Holzgatter. Fast hätte ich sie berührt! Stattdessen nahm ich meine Kamera und wusste in diesem Moment, dass unser Augenblick gekommen war.
    Wochen später schickte ich Katrin meine erste Zeichnung und sie antwortete mir sofort:
    „Das ist ja der Willie, von dem ich dir erzählt habe!“

    Willi´s Geschichte:
    Wenn eine Urin ein Kalb erwartet, sind Katrin und ihr Mann Flo tagelang in großer Anspannung. An welchem Tag wird es kommen? Am Tag oder in der Nacht? Wird es gesund sein? Und wird bei der Geburt alles gut gehen?
    Früh am Morgen, vor Sonnenaufgang wachten beide auf. Aus der Ferne war lautes Brüllen zu hören. Die Rufe der Uren klangen verzweifelt. Sofort machten sie sich auf den Weg und fuhren zur Weide. Im Näherkommen erkannten sie die Herde am Zaun stehen und sahen, was passiert war: Bei der Geburt war das Neugeborene unter den Zaun hindurch auf die andere Seite gerutscht, und die Herde konnte nicht hinter den geladenen Draht. Hilfe wurde aus dem Dorf geholt und mit vereinten Kräften schaffte man es, den kleinen Ur unversehrt zu seinen Eltern zu bringen.

    Vielleicht spürt Willie heute noch eine besondere Verbindung zu den Menschen. Und es ist verführerisch, dieses Vertrauen zu benutzen, um diesen Ur zu zähmen. Aber das würde
    vielleicht bedeuten, dass er von den seinen nicht als volles Mitglied akzeptiert würde und die Struktur der Herde durcheinander bringen, die Gemeinschaft gefährden oder ihn zum Einzelgänger machen. Ein Name sollte denn auch als Zeichen dieser besonderen
    Verbundenheit genügen. Althochdeutsch bedeutet er ´der Willige mit dem Schutz´. Wer weiß, vielleicht wird eines Tages aus Willi einmal derjenige, der stets gut auf alle aufpasst, weil er diesen Schutz spürt und seine Herde deswegen sicher führen kann.

     

    Hühner

    Sind Hühner intelligent? Ich weiß es nicht, auch nicht, nachdem ich Stunden und Tage in
    verschiedenen Ställen mit ihnen verbracht habe.

    Doch was ist Intelligenz? Das Wort kommt von ´intellegere´ - erkennen, einsehen, wählen und bezeichnet eine kognitive – erkennende Fähigkeit. Schweine gehören zu den intelligentesten Lebewesen. Sie erkennen, wenn sie sich selbst im Spiegel sehen. Sie nehmen dreisilbrige Namen an und wissen, wenn man sie meint. Sie begreifen Mechanismen. So überlässt ein
    dänischer Bauer seinen Schweinen selbst, die Belüftung und die Temperatur in ihrem Stall über einen Joystick zu regulieren.

    Und Hühner? Bemerkenswert ist, dass sie auf Futterportionen verzichten können, wenn sie gelernt haben, dass sie durch den Verzicht etwas Besseres bekommen. Und sie können flunkern, d.h. eine Form der Kommunikation anwenden, die andere manipuliert. So wurde in Versuchen beobachtet, dass ein Hahn, der eine Henne zu sich locken will, einfach behauptet, er habe eine tolle Futterstelle entdeckt. Und eine Henne die öfters reingelegt wurde, lässt sich schon bald nicht mehr ´flachlegen´.

    Ist es also richtig, jegliche Entwicklung zu einem intelligenten Lebewesen durch völlige Begrenzung seiner Wahrnehmungsfähigkeit gnadenlos einzuschränken? Ist es genug, wenn Tiere einfach nur ´Vegetieren´, d.h. in einer rein vegetativen Phase gehalten werden, die nach Definition lediglich Fortpflanzung zur Folge haben soll? Was für Bedingungen müssen wir
    unseren ´Nutztieren´ ermöglichen, wenn wir doch wissen, dass sie zu Kommunikation fähig sind und dazu, Zusammenhänge zu erkennen und in Beziehung zu treten?

    In der regenerativen Landwirtschaft versucht man, den Kreislauf des Lebens zu schließen. Man hat erkannt, dass die Natur so vielfältig ist, dass es unmöglich ist, diese durch Technik und Chemie zu ersetzen und dass jedes Lebewesen darin seinen Platz hat.
    Auf Höfen, die sich dem Tierwohl verpflichten, werden Tiere in geräumigen, luftigen Ställen mit großzügigem Auslauf nach draußen und genügend Raum für den Rückzug gehalten. Für die Hühner hat der Landwirt Sepp Braun auf seinem Demeter Hof sogar Wohnwagen gebaut, damit sie an verschiedenen Stellen nach Nahrung suchen können. Durch ihr Scharren wird die Erde gelockert, werden Schädlinge vertilgt und der Samen von Pflanzen weiter getragen.

    Stunden hatte ich der Hühnerschar nun schon aufgelauert, war zwischen Gräsern und
    Büschen hervor gekrochen, hatte aber immer noch kein Bild gemacht, das ein Huhn
    frontal und in aufrechter Haltung vor mir stehend zeigte. Erschöpft begab ich mich in den Stall und setzte mich in gebührendem Abstand neben die Stangen, auf dem die Damen in ihren weißen Federkleidern und den rotem Krönchen saßen. Ein paar wärmende Sonnenstrahlen fielen durch die Zugänge. Leise summte ich ´Summertime´ vor mich hin.
    Irgendwann veränderte sich die Atmosphäre, war getragen von einer friedlichen Heiterkeit. Lag es am Licht, an meinem Gesumme, der Tageszeit oder meinem Innehalten, in dem das Jagen nach Bildern einmal pausierte? Einige Hennen öffneten ihre Äuglein, legten den Kopf schief und schauten mich ruhig an. Behutsam führte ich die Kamera hoch und belichtete Bild für Bild, und sie ließen es sich gefallen.

    Menschen wie Tiere atmen Sauerstoff, trinken Wasser, brauchen Licht und Nahrung um zu existieren – um Stoffwechsel zu betreiben, zu wachsen und sich zu vermehren. Dies ist unsere biologische Aufgabe. Alles andere ist Interpretation.
    In Momenten der Erkenntnis, fühle ich mich als Teil eines großen Ganzen und sehe in meinem Gegenüber einen Verbündeten. Das wird ´belohnt´ mit großer Freude, die mich ganz und gar geborgen fühlen lässt im Hier und Jetzt. Vielleicht nennt man dies ´Glück´ und vielleicht photographiere ich deswegen so gern – für genau diesem Augenblick, in dem ich ein individuelles Wesen als Teil einer lebendigen Schöpfung sehen kann.

    Während ich beim Photographieren einer spontanen Haltung oder Geste auflauere, die ein Wesen in dessen typischer Lebendigkeit charakterisiert, brauche ich für das Zeichnen einen anhaltenden Zustand in Form einer Meditation, die über Tage anhält. Jedes einzelne Bild soll getragen sein von derselben Stimmung, in der ich Linie für Linie ein Individuum modelliere und in seiner Eigenart Ausdruck verleihe. In diesem Zustand lösen sich Zeit und Raum auf. Das Zeichnen gleicht dem Schreiben, wird rythmisch und entwickelt eine eigene Dynamik, bei der ich nur noch Regie führe.

    Unsere Wahrnehmung wird in Bezug auf das Tier immer begrenzter. ´Wesen in Federn und Fell´ sehen wir nur noch fragmentiert und portioniert in den Kühlregalen mit oder ohne Haut. Dabei ist bei jedem dieser Geschöpfe eine unglaubliche Vielfalt in der Beschaffenheit zu entdecken.
    Durch die Digitalisierung von Bildern ist es möglich, etwas sehr Kleines heran zu zoomen und es auf dem Bildschirm als ganz Großes zu betrachten, es wie unter einem Mikroskop zu entdecken. Wie verwandelt sich Material? Wie wird ein Haar zur Feder oder zu Fell? Wo wird Haut zu Horn, zu Krallen? Und wie zeigt sich unter Federn und Fell ein lebendiger Körper der funktioniert?

    Indem wir unsere Perspektive ändern, nehmen wir etwas anders wahr und treten dadurch auf´s Neue in Beziehung. Wir erkennen Formen und Strukturen, und das erfüllt uns Menschen mit Sinn und schafft die Möglichkeit für neue Interpretationen.
    Vielleicht dient dem Menschen die Fähigkeit Schönheit wahrzunehmen ja auch einfach nur dazu, sich aus dieser Begeisterung heraus selbst intelligenter zu machen.

     

    Der schwarze Ziegenbock

    Neben einem kleinen Zirkuszelt stand eine Gehege, darin waren zwei Kaninchen, eine Zicke und ein schwarzer Ziegenbock. Ich erhielt die Erlaubnis, die flauschigen Langohren zu photographieren.
    Eigentlich war mit den Besitzern ausgemacht, dass ich bis nach der Vorstellung warte. Aber ich wollte mit den Tieren alleine sein. Misstrauisch beäugte mich der struppige Bock. An ihm musste ich vorbei, um an die niedlichen Hoppler heran zu kommen.

    Also wandte ich mich erst einmal ihm zu und strich ihm anerkennend über das rauhe Fell. Dann hockte ich mich vor die flauschigen Kaninchen, die ruhig am Zaun saßen und vor sich hin mümmelten. Sehr bald schon mochten sie meine frontalen Annäherungen nicht mehr und hoppelten weg. Je entschiedener ich sie mit meiner Kamera verfolgte, desto unruhiger wurde der Bock und stellte sich immer wieder zwischen uns. Ich begriff: Der passt hier auf!

    Dann kam er auf mich zu. Das schiefe Grinsen unter seinen kräftigen Hörnern war noch ein bisschen grimmiger als zuvor. Generell benutzen Ziegen wie Schafe ihre Hörner als Waffe. Ihr Ziel ist der Kopf des Gegners. Ich aber hockte auf Augenhöhe vor Fred und versuchte ihn durch Streicheln und mit sanfter Stimme freundlich zu stimmen. Das schien ihn zu überraschen und er rieb seinen Kopf heftig an einer Bürste, die am Zaun neben uns befestigt war. Dann steuerte er wieder auf mich zu - und ich strich ihm zärtlich über den Hals. Er wich zurück und schaute mich irritiert grinsend an und trabte dann mit wehendem Bart auf mich zu. Dabei fotografierte ich ihn.

    Plötzlich stellte er sich auf seine Hinterbeine. Seine schwarzen Hörner glänzten, seine Vorderhufe ruderten drohend über mir. Dann senkte er den Kopf und galoppierte die wenigen Schritte auf mich zu und stieß mich heftig am Bein. Als er zur nächsten Attacke anhob, sprang ich gerade noch rechtzeitig über den Zaun.

    Während der Pause gesellten sich Lena (8) und Lisa (5) zu mir. Die beiden leben den Sommer über im Wohnwagen und begleiten ihre Eltern, die als Puppenspieler in Münchens Umland umher ziehen. Stolz erzählten sie mir, dass ´Fred´ mordsgefährlich sei und er ihre Kaninchen beschütze. Ihr Vater sei der Einzige, der sich zu Fred ins Gehege traue.

    Beim Gehen wandte ich mich noch einmal an den Ziegenbock: „Du machst wirklich einen tollen Job hier, Fred!“, sagte ich anerkennend. „So einen wie dich, vergisst man nicht!“

     

    Schweine

    Schweine haben wunderschöne Augen unter langen Wimpern. Iris und Pupille zeichnen sich deutlich auf dem Weiß des Augapfels ab, so dass man einen klaren ´Blick´ assoziert. Meistens sind ihre Augen jedoch geschlossen, weil sie so gerne dösen. Ihre großen Schlappohren liegen dann wie kleine Dächer darüber. Auch wenn sie allem Anschein nach schlafen, kriegen sie alles in ihrer Umgebung mit. Das sieht man an der Bewegung ihrer Ohren. Nur wenn sie ein Geräusch so richtig interessiert, öffnen sie ihre Augen.
    Schweine brauchen viel Körperkontakt. Meistens liegen sie in Gruppen eng aneinander
    gekuschelt. Dauernd beschnüffeln sie sich und suchen die Haut der anderen mit ihren Schnauzen sorgfältig nach Ungeziefer ab. Sie liegen gerne in duftigem Stroh und verrichten ihr Geschäft immer außerhalb ihres Ruheraumes. Nur wenn sie lustvoll in der Erde wühlen oder ein Schlammbad nehmen, machen sie sich ´schmutzig´.

    Im Sommer belegte ich in den Herrmannsdorfer Werkstätten einen Kurs, in dem man lernt, wo man bei einem Tier welches Stück Fleisch findet und wie man es zerlegt. Zum ersten Mal zersägte ich dort das Rückgrat eines Rindes.
    Ein Metzger erklärte uns detailliert, wie Gesundheit und artgerechte Haltung einander
    bedingen. Zu meinem Erstaunen lernte ich, dass Biofleisch mehr Fett hat und viel gesünder ist als mageres Fleisch. ´Turbofleisch´ wird gezüchtet, indem man Tieren Fressen gibt, durch das sie viel schneller an Gewicht zunehmen. Ihr Fleisch ist zwar fettarmer, hat aber einen viel größeren Wasseranteil – und schmeckt weniger. Unser Konsum entscheidet also darüber, wie Tiere gemästet werden.

    Auf den großen Schlachthöfen gibt es keine Ruheräume und eine extra Fütterung ist zu
    kostspielig. Deswegen würden die gestressten Tiere nach dem Ausladen sofort in die
    Tötungsstationen getrieben. Ein Jahr lang habe er in so einem Schlachtbetrieb gearbeitet und wollte sein Handwerk schon aufgeben, dann sei er hierher gekommen. Morgens würden die gut gefütterten Tiere geweckt und eins nach dem anderen in eine kleine Kammer geführt und dort betäubt werden, bevor man sie tötet.
    Ich lernte, dass das Filet nur zwischen Rückgrat und Rippen zu finden ist und im Verhältnis zum Rest des Körpers überraschend klein ist. Für ein ganzes Schwein bekommt der Halter 150.- bis 200.- Euro! Abzüglich aller Kosten bleibt ihm ein Gewinn von zirka 8 Euro.

    Alle Schweine stammen vom Wildschein ab. Vor ca. 8500 Jahren wurde es domestiziert, und im Laufe der Zeit züchtete man das borstige Fell weg, ebenso das ´Gewaff´ die beiden Eckzähne, die bei ´Keilern´ bis zu 17 Zentimeter lang werden können. Ein Wildschein kann bis zu 50 Stundenkilometern schnell rennen. Der Körper eines Hausschweines wurde so fleischig gezüchtet, dass ein ´dickes Schwein´ kaum noch gehen kann. Dann kam noch ein ´Spare Ribb´ dazu und das Borstenfell weg. Die glatte Schweinehaut ist der unsrigen nun so ähnlich, dass darauf die Wirksamkeit von Kosmetik, insbesondere von Sonnenschutzmitteln getestet wird.

    Fasziniert beobachtete ich im Wildgehege Grünwald die Fresstechnik von Wildschweinen. Mit ihren Hufen halten sie stehend die Früchte und drücken einen ganzen Apfel einfach mit ihren kräftigen Schnauzen einfach platt, so dass er in kleine Teilchen zerspringt, die sie dann häppchenweise auflesen. Jeden Tag finden sich die Wildtiere um halb drei an ihrer Futterstelle ein, und warten geduldig. Um punkt halb vier bekommen sie übrig gebliebene Früchte und trockenes Brot aus einem nahegelegenen Supermarkt.
    Unter den Tieren war eine große und struppige Wildsau mit besonders großen Appetit. Sogar beim Aufrüsseln musterte sie einem höchst aufmerksam und keilte jeden weg, der es wagte, sich den leckeren Bananen zu nähern. Mit ihrem wütenden Futterneid machte sie den anderen das Fressen schwer.
    Eine der ´Bachen´ trug einen Knopf im Ohr und hatte als einzige einen Namen. ´Sissi´ kam immer erst dann zum Fressen, wenn alle anderen fertig waren und rüsselte in Ruhe die Reste auf, von denen es immer noch reichlich gab. Sissi war anders, denn sie war ein Flaschenkind. Nach dem Mahl lag sie alleine unter einem der vielen kleinen Dächer im weichen Stroh und schlief friedlich.

    Nach acht Stunden im Koven auf dem Braunschen Hof in Freising war es endlich soweit: Die große braune Sau erhob sich. Schweine stemmen sich zuerst auf die Vorderbeine und strecken den Kopf so nach vorne, dass sie ihr gewichtigen Körper hinterher hieven können. Währenddessen hielt sie für einen Moment inne und schaute zu mir. Unter ihren wippenden Ohren blickten mich zwei leuchtend blaue Äuglein an. Die ´Mundwinkel´ waren, wie bei allen Tieren, in einem leichten Bogen nach oben gezogen. Ich frage mich oft, wie Tiere selbst unter den schlimmsten Bedingungen ihre Jungen säugen können. Weil sie im Gegensatz zu uns Menschen ihr Lebendigsein nie in Frage stellen? Dieses Schweinefräulein schien mir besonders freundlich zuzulächeln. Dann stemmte sie sich auf alle Viere hoch und trottete mit einem lauten Grunzer zu ihren Artgenossen. Denn sie wusste ganz sicher: in ein paar Minuten würde jemand kommen und gutes Futter bringen.

    P.S.: Ende August sah ich Sissy wieder. Sie stand inmitten der anderen, mit großen Zitzen und einem kugelrunden Bauch, den sie mit Lust fütterte. In wenigen Wochen würde sie ihre Frischlinge zur Welt bringen.

     

    Heidschnucken

    In acht Wochen war Ostern. Schon von Ferne hörte ich das helle Mäh! der Lämmer, die im Frühjahr geboren werden. Franz Seiler, Besitzer der über 60 Heidschnucken führte mich stolz in seinen Stall. Er hatte darin kleine Boxen gebaut, in die sich die Mütter mit ihren Babies
    zurückziehen konnten. Drinnen wie draussen auf der Weide tobten die Großen und die Kleinen in der Sonne umher.

    In einer Ecke waren vier junge Böcke. Im Herbst waren es noch zwölf gewesen. Zwei von ihnen waren einander so ähnlich wie Zwillinge und hatten hell umrandete Augen. Der eine war zur Gänze geschoren, der andere nur am Hals und trug seine Wolle wie eine bis über die Brust geöffnete Rastahaar-Jacke. Aufmerksam verfolgten sie jede meiner Bewegungen, und ich ließ mir sehr viel Zeit, um sie nicht zu verschrecken. Mit ihren herrlich geschwungenen Hörnern standen sie auf einem kleinen Hügel und blickten in die Ferne. So fotografierte ich sie.

    Franz erklärte mir:
    Letzte Woche habe er die Schnucken geschoren. Niemand interessiere sich für deren Wolle, also lande die auf dem Müll. Das Scheren mache immer eine Heidenarbeit, denn die Tiere halten natürlich nicht still. Denjenigen, die noch zu töten seien, werde nur der Hals freigelegt. Die anderen zwei blieben als Zuchtböcke bei der Herde.
    Ich war traurig darüber, ließ mir aber nichts anmerken, denn Franz muss schauen, dass er genügend Geld verdient, damit er sich die Tiere überhaupt leisten kann.

    Besagt die Reinkarnationstheorie der Hindus nicht, dass man immer wiedergeboren wird, als Tier oder als Mensch, als Unberührbarer oder als Priester? Ich schmunzelte: Unberührbar gefiel mir in diesem Zusammenhang besser. Wer weiß schon, ob und als was wir uns eines Tages wiederbegegnen werden?

     

     

    Im Sommer 2019 begann meine Reise in die Welt der E A T A B L E S. Landwirte und Züchter von Biohöfen führten mich auf Weiden und Ställe und erzählten mir von ihrer Leidenschaft
    für ihren Beruf und den Sorgen, und wie viel es ihnen bedeutet, ´Nutztieren´ ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Ich lernte Besitzer von Hofläden kennen, die genau wissen, woher ihre Produkte kommen. Und ich war zu Gast bei Wirten, die am Biergarten ein paar Tiere halten, die alle einen Namen haben und bestimmt nicht auf der Speisekarte landen werden. Manchmal kletterte ich auch ohne Erlaubnis über Zäune in Gehege oder auf die Weiden in der Umgebung meiner Heimat oder machte Bekanntschaft mit den Wesen in Federn und Fell.

    Danke:
    Gundel und Franz Abraham, Möhrlbach, die Hühner zähmen können und einen herrlichen Hahn besaßen, den der Marder auf dem Gewissen hat.
    Sepp Braun, Biolandhof Braun, Freising, auf dessen Hof ich wunderschöne Schweine,
    angriffslustige Bullen und elegante Hühner kennen lernte.
    Marga Haberl, Gasthof Hinterbrühl, München, die mich ihrem Hahn Xaver und den Enten Daisy und Donald vorstellte.
    Sigrid Hagen, Walderlebniszentrum Grünwald Sauschütt, die mich bei den täglichen
    Fütterungen ganz nah zu der Bache mit ihren gestreiften Frischlingen ließ.
    Gesine Hörning, Geflügelhof Hörning, Meinersen, die mir von Wölfen erzählte, die ihre
    Tiere bedrohen.
    Lisa und Lena, Circus Galliano, deren Kaninchen ich mit aller Umsicht verfolgte‚.
    Franz Seiler, Heidschnuckenhof, Bachhausen, der mir ein Lämmchen in den Arm legte.
    Katrin Schimmer, Urdonautaler Auerochsen, Wellheim, die mir von den wilden Uren erzählte.
    Christian Stark, Aubinger Oekoladen, der mich voller Stolz zu seinem alten Galloway Bullen führte und mich bekannt machte mit dem mutigen, kleinen Anton und dessen Ziegenmama.
    Barbara und Simon Wallner, Bioputenhof, Hebertshausen, die ahnten, wie schwierig es ist, einem einzelnen Truthahn nahe zu kommen.

     


    HYDROMORPHOSEN

    umfasst eine Werkgruppe von 30 Arbeiten auf Papier. Im Vorfeld habe ich die Entscheidung für die Kreisform und den gleichen Durchmesser getroffen. Darüber hinaus war alles Experiment.
    Die animalischen Pigmente der Sepiatusche habe ich genutzt, um Formen mit Wasser, Bewegung, Überlagerung und An- bzw Abstoßung zu erzeugen. Zusätzlich habe ich manchmal pflanzliche Pigmente addiert.
    Durch die Berührung der im Wasser gelösten Pigmente mit chemischen Stoffen wuchsen eigentümlichen Gebilde, ähnlich denen pflanzlicher und mineralischer Strukturen. Flächen und Linien wurden von mir gesetzt oder heraus genommen, um den Eindruck einer natürlichen, organischen Verwandlung hervorzuheben. Jede Hydromorphose gleicht einem individuell gewachsenen Gebilde.


    WILDWUCHS

    Was ist eigentlich ´Unkraut´?


    LET´S GET LOST

    Ich erforschte das Antlitz des Menschen, das während eines Orgasmus nur noch Ausdruck für die Sehnsucht nach Erlösung ist.


    OBERHÄUPTER

    Kann man in einem Gesicht ablesen, ob ein Mensch gut oder böse ist, friedlich oder gewalttätig, machtvoll oder ohnmächtig?
    Im Internet habe mich auf die Suche gemacht nach den Charakteren, welche die Geschicke der Nationen lenken. Innerhalb eines Jahres entstanden über 100 Portraits. Angetrieben hat mich die Frage: Machen Menschen Geschichte oder Geschichte Menschen? Auf Bildern, in Interviews und Dokumentationen konnte ich jede dieser Persönlichkeiten erforschen, um mir ein Bild zu machen. Ich habe all diese Politiker von bekleidenden Zeichen ihrer Macht befreit, so dass sie uns sozusagen nackt begegnen. Das Zeichnen wurde für mich zu einer Reise in die Gesichtslandschaften dieser Machtmenschen.
    Über den Blickkontakt nehme ich den Betrachter mit auf diese Reise zu den Oberhäuptern dieser Welt. Linien werden zu Falten und Furchen, Pigmentpfützen zu Schatten, welche die Höhen und Tiefen dieser Charaktere modellieren.
    Unwillkürlich folgt der Blick den Zufälligkeiten, die entstehen, wenn Tusche auf sehr nassem Papier geführt wird und den Betrachter dazu anregen, die Formen zusammenzusetzen und sich selbst ein Bild zu machen.


    MIT HAUT UND HAAREN

    Die Philosophie sagt, es ist das „Ich bin!“;
    die Wissenschaft sagt, es sind nur 1,6 Prozent;
    die Bibel sagt, es ist das Wort;
    die Kunst sagt, es ist die Muse;
    die uns voneinander trennen.


    FREUNDESKREIS

    Zwei Chromosomensätze vereinen sich, um durch millionenfache Zellteilung zu wachsen und ein Lebewesen zu werden.
    Egal wie groß oder klein, dick oder dünn, behaart oder unbehaart sie auf die Welt kommen, sie landen bei uns als Individuen mit einer deutlich wahrnehmbaren Persönlichkeit.
    Je größer sie werden, desto klarer teilen sie mit, was sie wollen und was nicht, wen oder was sie mögen und wen oder was nicht, wer ihnen nahe kommen darf und wer nicht. Das macht sie so faszinierend.


    KATHMANDU

    Im Frühjahr 2016, ein Jahr nach dem Erdbeben, reiste ich nach Nepal, Ich hatte den Auftrag fotografisch zu dokumentieren, wie Fairtrade Produkte in den Webereien Kathmandus gefertigt werden. Während unseres gesamten Aufenthaltes sahen wir nicht ein Mal den Blauen Himmel. Tausende Ofen brannten, um Ziegel für den Wiederaufbau herzustellen. Die Luft war weiß und giftig. Viele liefen mit feuchten Tüchern vor Nase und Mund durch die Stadt, in der sich Menschen, Tiere und alle möglichen Arten von fahrbarem Untersatz durch die engen Straßen drängten. Ich war bewegt von der wachen Freundlichkeit und der duldsamen Beharrlichkeit mit der die Menschen dort auf engem Raum so nah beeinander leben.


    WEGGEFÄHRTEN

    Die Fotografien entstanden während der 2. Bundeskonferenz der Straßenkinder in Berlin, die im September 2015 unter dem Motto „Mein Name ist Mensch“ stattfand. In einem kleinen, selbstgebauten Studio wurden dort die Teilnehmer der Konferenz fotografiert.
    Durch einen Fensterrahmen traten die Jugendlichen aus dem Schatten ins Licht. Jede*r konnte selbst bestimmen, inwieweit er*sie sich zeigen wollte. Dadurch entstand ein individuelles Spiel mit Licht und Schatten, dem Sichtbaren und dem Verborgenen.
    Das warme Licht modellierte die außergewöhnliche Schönheit dieser Straßenkinder, die schmerzlich geprägt ist von den Erfahrungen auf der Straße und dem Leben als Obdachlose.


    GESCHÖPFE DES LICHTS

    Entlang der Isar wachsen sie als unscheinbare Geschöpfe inmitten eines grünen Meeres aus Gräsern und Halmen. Ihre Nahrung ist Wasser und Licht.
    Am Abend, wenn die Sonne bereits hinter dem Horizont versunken war und die Blaue Stunde anbrach, tauchte ich mit dem Auge der Kamera ein in dieses leuchentende Universum und entdeckte auch dort
    im ganz Kleinen die unbeschreibliche Vielfalt einer phantastischen Schöpfung.


    BLAUE STUNDE

    Ende Oktober setze ich Zwiebeln in die Erde. Dann kommt der Winter. Es regnet, schneit, friert und taut. Die Erde ist grau-braun oder schneeweiß und die Bäume stehen wie dunkle Gerippe auf ihr. Doch dann, wie jedes Jahr, geschieht dieses unglaubliche Wunder: Grüne Spitzen bohren sich aus dem Boden ins Licht und verwandeln sich, in Blaublüter und Beetschwestern oder bevölkern als Stilblüten und Durchlauchten für ein paar Wochen meinen Garten.


    SCHNEEHERBST

    Vielleicht alle 10 Jahre fällt der erste Schnee im Herbst so frühzeitig, dass die Blätter noch an den Bäumen hängen. Weiß liegt dann auf der herbstlichen Farbenpracht in Grün, Gelb, Rot und Braun und taucht alles in einen malerischen Zauber.
    Vier Tage lang wanderte ich mit meiner Kamerra umher und fotografierte dieses Wunder der Natur in Spiegelbildern die auf der langsam dahin fließenden Isar zu sehen waren.

     

    REISE NACH ARMENIEN

    Männerehrung
    Als ich mich morgens um sechs in Jerewan auf den Weg mache, sind die Straßen noch still und leer. An einer Verkehrsinsel plaudern zwei Polizisten hinter einer Absperrung. Ein Rudel streunender Hunde begrüßt freudig einen Kumpel mit schwarzem Fell, nachdem sie ihn als einen der ihren erkannt haben. Neben mir stehen ein paar aufgekratzte, junge Russen, die wohl die Nacht durchgefeiert haben. Auch sie streben im frühen Morgenlicht zu den Kaskaden von Cafestjan, und ich hoffe, dass sie vielleicht wissen, wo der 9. Mai gefeiert wird. Heute vor 74 Jahren wurde in Armenien von der Roten Armee das Ende des 2. Weltkrieges verkündet.

    In Jerewan sind die Cascaden berühmt für ihre Kunstwerke und den Blick, den man von diesem gewaltigen Bauwerk auf diese Stadt hat. Das Museum wurde tief in den Berg hinein gebaut. Es enthält eine der bedeutendsten Glassammlungen der Welt. Stufe für Stufe erklimme ich die vielen Treppen zu den Plateaus, auf denen eine außergewöhnliche Sammlung von Skulpturen unter freiem Himmel gezeigt wird: Hasen aus Bronze, die miteinander turnen; dicke, ´Boteros´, die einen freundlich willkommen heißen; riesige, goldene Buddahs, die meditierend auf baumstammhohen Säulen vor Hochhäusern sitzen; Fische aus Stein, die neben einem 3 Meter großen Kopf im Wasser eines Brunnen hocken, während hinter und über ihnen Wasser aus überdimensionierten Krügen fließt, die in den hohen Wänden dahinter stecken; eine Gruppe springender Pferde, die kunstvoll miteinander die Form eines Hufeisens bilden; Oskar-Schlemmer-artige Figuren aus Metall, die in artistischen Turnhaltungen über der Wasseroberfläche zu schweben scheinen.

    Ich will die Stadt im frühen Morgenlicht sehen und eile die Stufen der ´Cascaden´ bis ganz nach oben. Ein verrosteter Zaun hält mich davon ab, meinen Weg fortzusetzen. Hinter dem verbeulten Maschendraht liegt eine riesige Baugrube, in der sichtlich seit Jahren nichts mehr gearbeitet wurde. In circa 100 Meter Luftlinie entfernt und weithin sichtbar auf einem überdimensionalen Obelisken aus schwarzem Stein thront das Wahrzeichen des sowjetischen Arbeiter- und Bauernstaates.

    Ich drehe mich also um und staune. Zum ersten Mal erblicke ich in weiter Ferne den Ararat, das Wahrzeichen Armeniens, der sich majestätisch aus dem Dunst erhebt. Wie ein geheimnisvoller Riese aus einer anderen Welt, zeigt sich heute dieser gewaltige Berg, der nur sehr selten so klar zu sehen ist, und der einen weißen Zuckerhut aus Eis und Schnee trägt.
    Seit Jahrmillionen steht er schon dort. Eine Taube brachte Noah dereinst von dessen Bergspitze, die als erstes aus den Fluten ragte, den Ölzweig als hoffnungsvolles Symbol für die Menschheit auf ein Überleben. Wenig später spannte der Allmächtige zum Zeichen dafür, dass er nie wieder derart eigensinnig über die Existenz der Menschen entscheiden würde, einen Regenbogen über den Himmel. Seitdem gehört dem Menschen die Erde. Noah ließ alle Tierpaare frei, auf dass sie zusammen mit den Menschen die Erde bevölkern mögen.

    Neugierig erklimme ich die vielen Stufen weiter hinauf zum Ehrenmahl. Über dem ´Feuerberg´ streben ein paar weiße Wölkchen in den strahlend blauen Himmel. Davor liegt die Stadt mit ihren vielen, mehrgeschossigen Wohnhäusern wie sie überall im Land gebaut werden: Schlichte rechteckige Quarder mit Fenstern und Balkonfronten. Auf der 1000 Quadratmeter großen Betonfläche des schmucklosen Plateaus liegt schmusend eine Liebespaar auf einer der Parkbänke. Ein alter Herr blickt an eine Mauer gelehnt in die Ferne. Ich überquere die dunkelgrauen Platten, laufe immer weiter hoch und bleibe überrascht stehen. Hinter der düsteren Freifläche steht ein surrealer Skulpturenpark aus bunten Elefanten und Krokodilen neben einer riesigen Pusteblume aus Metall vor einem bunt bemalten Boot auf einer sauber gemähten Grünfläche. Dahinter führt eine breite Avenida hinunter in die Stadt. Weiter oben werden elegant gekleidete Frauen auf Pumps in maßgeschneiderten Kostümen und Kinder in Sonntagskleidern an der Seite von Männern in mit Orden geschmückten Uniformen von Polizisten über die Straße geleitet. Unweit entfernt erkenne ich einen Torbogen, vor dem mehrere Grüppchen von Offizieren in Festtagsuniformen, glitzernden Orden und glänzenden Schuhen warten. Eine Stimmung von großer Erwartung liegt in der Luft. Überall sind Blumenverkäufer, und fast jeder der Wartenden hält Blumen in der Hand. Soldaten mit Blumen – ein beruhigendes Bild. Meine Fremdheit scheint sie nicht zu stören, im Gegenteil, man lächelt mir freundlich zu. Ich nehme meine Kamera zur Hand und bin erstaunt, als sich alle darüber freuen, dass ich sie fotografiere. Mit meiner Spiegelreflexkamera über der Schulter betrete ich den Park.
    Fünf Minuten später stehe ich auf einem großen Platz mit einem dunklen Gebäude, auf dem riesig groß eine dunkle, weibliche Figur aus Stein steht, die ein Schwert vor sich in Händen hält.

    Noch nie habe ich so viele Militärs auf einem Haufen gesehen. Überall stehen sie in kleinen und großen Gruppen herum. Freudig erregt und heraus geputzt danken sie mit zustimmenden Blicken der Aufmerksamkeit der vielen Fotografen. Ein Chinese und ein Amerikaner lassen sich Arm in Arm von einem Kollegen aus Frankreich fotografieren. Im Hintergrund ist eine Bühne aufgebaut, auf der später ein Soldatenchor singen wird. Daneben stehen rechts und links jeweils ein Kampfflugzeug und ein Panzer. Kinder turnen auf diesen herum. In der Mitte des Platzes ist ein goldener Stern auf einer Platte aus Marmor. Gewaltige Kränze aus den schönsten Blumen in den leuchtensten Farben werden davor und drum herum aufgebaut. Jeder Kranz trägt eine Schärpe mit dem Namen der jeweiligen diplomatischen Vertretung. Es sind bestimmt an die hundert.
    Junge Soldaten üben noch einmal ihre präzise einstudierten Choreographien, in denen sie im Stechschritt aufeinander zu marschieren und ihre mit weißen Handschuhen bekleideten Hände zum Salut heben. Ich bewege mich mit meiner Kamera ganz nah auf sie zu und sie halten still, tun so, als würden sie mich nicht bemerken oder lächeln mir wohlwollend zu.
    Hohe Offiziere mit dem Revers voller Orden stehen stolz neben ihrem männlichen Nachwuchs, halten Kinder an Händen oder Enkel auf dem Arm. Schöngemachte Frauen warten stolz neben ihren Männern. Trainer mit ihrer Jungenmannschaft in gleichfarbigen Trikots gruppieren sich, Jungen in Gardeuniformen schreiten grüßend auf den Stern zu, auf dem unter Verbeugungen und unter Tränen von Männern und Frauen Blumen abgelegt werden. Um ein paar Veteranen, die von ihren Familien herbei geführt werden, bildet sich ein Kreis. Ihnen gilt eine ganz besondere Aufmerksamkeit. Gebeugt und mit militärischen Auszeichnungen behängt steht ein uraltes Ehepaar zwischen anderen Kameraden. Und mir wird klar: Diese Männer und Frauen haben einmal gegen die Nazis, gegen grausame Deutsche gekämpft und dagegen diejenigen, die sich die Welt als Herrenrasse untertan machen wollten um alles Andersartige zu vernichten. Wieviel Mut muss es gebraucht haben, dagegen zu kämpfen? Welches Risiko hat das für ihre Familien bedeutet? Welche Verzweiflung muss sie motiviert haben? Und nun stehe ich hier als Deutsche und fotografiere sie, bin zugelassen. Auch ich verbeuge mich innerlich vor diesen Freiheitskämpfern und versuche auf meine Art, sie ins rechte Licht zu rücken. Gebeugt vom Alter, das Antlitz voller Falten, werden sie von ihren Angehörigen gestützt und gehalten. Sie sind die letzten ihrer Art.

    Kränze werden in Reihen gestellt, Hunderte von Blumen abgelegt, Aufmärsche vollzogen, und dann fängt der Männerchor an zu singen. Traurige Weisen, die sich sehnsüchtig erinnern, rufen, klagen. Männerstimmen die sich ergänzen. Stimmen die in den höchsten Tönen jubilieren oder in den tiefsten drohen. Dumpfes Trommelschlagen neben fliegenden Wirbeln. Der Chor von diesen 12 Stimmen folgt einer eindeutigen Choreografie. Langsam erhebt sich die schwere Melancholie und verwandelt sich zu einem Marsch, jubilierende Gesänge bündeln sich zu einem Crescendo des Frohsinns. Noch nie habe ich so viel geballte Mannesfreude in Uniformen erlebt. Wie wichtig doch Männern die Anerkennung ihrer Ehre ist! Aber sollte man deswegen die Politik der kriegerischen Mitteln derartig zur Schau stellen und dadurch befürworten?

    Nachdem alle Aufmärsche im Stechschritt und mit wehenden Fahnen absolviert sind, öffnet das Militärmuseum seine Pforten und ich lasse mich in den dunklen Bau hinein ziehen, auf der die `Mutter Armenia` mit ihrem Schwert steht. Darin sind Fotos von all denjenigen, die im Krieg gegen den Feind gekämpft haben. Schicksal und unbeirrbarer Wille spricht aus vielen Portraits, aber auch Verzweiflung oder die Freude des Siegers. Als Kind hat mich Krieg fasziniert. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie es möglich ist, andere Menschen dazu zu motivieren zu töten. Immer wieder schaute ich Kriegsfilme, wollte verstehen und hatte Alpträume. Ich lasse die Bilder an mir vorbei ziehen, konzentriere mich auf die Reaktionen der Menschen um mich herum, auf deren Festtagsstimmung, die davon beseelt ist, dass die Guten siegen.
    Dann bin ich wieder draußen und beschließe zu gehen. Ich folge den Familien, die lachend dem Ausgang des Parks zustreben und lande auf einem Jahrmarkt mit Zuckerwatte und Karussells, wie ich sie aus meiner Kindheit kenne. Aber ich bin zu müde um noch mehr Bilder mit meiner Kamera einzufangen und schlendere mit einem Apfel, der überzogen ist von einem leuchtend roten Zuckerguss hinaus.

     

    Steinreich
    Von Armenien sagt man, es sei ´steinreich´. Ironisch verweist dieses Adjektiv einerseits darauf, dass die Menschen hier mit sehr wenig auskommen müssen und andererseits auf die bergige Schönheit des Landes, das voller steiniger Höhen und Tiefen ist. Sobald man außerhalb der Stadt Jerewan ist, sieht man auch an der Kleidung der Menschen, dass Materialen rar sind.
    Modische Trends gibt es auf dem Land so gut wie gar nicht zu sehen. Kleidung erfüllt einen Zweck. ´Schönmachen´ tut man sich, wenn man zu Festen und in die Kirche geht. Klamotten schaffen hier keine Abgrenzung durch die Hierarchien der Marken, die signalisieren wer ´in or out´ ist, indem man sich mehr oder weniger leisten kann. Trends werden hier nicht gelebt, weil kein Geld dafür da ist, regelmäßig Altes gegen Neues zu tauschen. Jacken und Hosen, Röcke und Blusen werden so lange getragen und gewaschen, bin man den mürben Stoff nicht mehr flicken kann. Die schönsten Kleider finden wir in einem Geschäft in Jerewan, in dem junge Frauen und Männer Kostüme nach historischen Schnitten und Mustern nähen und besticken lernen. Endlich passt mir ein Kleid, das für meine ein-Meter-zweiundachzig lang genug ist, und ich streife es über und staune über die herrschaftliche Wirkung, die mir mein Spiegelbild reflektiert. Wäre es nicht viel sinnvoller, sich zeitlos zu kleiden um Zeit zu sparen?

     

    Kettenhunde und Verbindungen
    In Vanadzor zeigt Artiom uns einen ehemaligen Bahnhof aus sowjetischer Zeit. An einem Schalter werden nur noch Tickets für den Busbahnhof verkauft. Durch eine Tür betreten wir die große Halle, die blitzblank geputzt ist. Auf einem Wandgemälde ist eine Landkarte zu sehen, auf dem die Bahnverbindungen des ehemaligen Sowjetreiches in seine Nachbarländer abgebildet sind. Eine Frau fegt sorgfältig den glänzenden Boden, über den schon lange keine Reisenden mehr zu den Gleisen gelaufen sind. Überall sind diese Fegerinnen, die vielleicht deswegen die Orte sauber halten, damit sie erhalten bleiben.

    Wir verlassen Vanadzor und fahren weiter über Land. Die Straße ist in einem schlimmen Zustand, und wir brauchen ewig für jeden Kilometer. In einer Kurve ist eine Bushaltestelle, an der ein junge Frau mit einem Korb voller Gemüse sitzt. Daneben führt eine Straße hinunter in einen kleinen Ort, der an einem Fluss liegt. Wir steigen aus, um dort spazieren zu gehen. Am Ortseingang sitzt eine Gruppe alter Männer unter einem morschen Dach und spielt Schach, Backgammon oder Karten. Sie lachen freundlich als wir grüßen und fragen uns, ob wir Russen sind. Das „Hallo!“ ist groß, als wir erwidern, dass wir aus Deutschland kommen.
    Ein älterer Mann spricht mich an, der sieht, dass ich ein schäbiges Haus fotografiere. Ich ahme Maschinengeräusche nach und zeige auf die Wand, auf der eine alte Dampflok abgebildet ist. Die Freude über das Motiv ist für ihn einleuchtend, und er lädt uns zu einem Kaffee ein. Wir folgen ihn in eines der heruntergekommenen, mehrstöckigen Häuser. Im Flur steht eine Schale mit der aufgequollenen, hellen Haut eines Schweines, die im Wasser weich gehalten wird. Es riecht nach Essen und steinigem Staub und wenig später nach gutem Armenischem Kaffee. Seine Frau ist zu Besuch bei ihrer Schwester Susanna und hat den Enkel dabei. Alle freuen sich über die netten Fremden, die alles fotografieren wollen. Suzannas Sohn Aro kommt aus dem Nebenzimmer, in dem seine Computeranlage steht, ein graues Modell aus der Frühphase der IT Branche. Es ist sein Fenster für die Kommunikation nach draussen mit der ganzen Welt. Mit ihm werde ich später durch Google Kontakt halten und mit deren ´Translator´ unsere Kommunikation vom Armenischen ins Deutsche und umgekehrt übersetzen lassen.

    Wer einen Computer besitzt, kann der eigenen Welt gedanklich entfliehen oder ihr begegnen, indem er dieses Instrument nutzt, um zu lernen. Aber was kann man in einem Land mit dem Gelernten machen, das weder reich an Rohstoffen ist noch an befahrbaren Straßen? Nach Armenien kann man nur über Moskau einfliegen. Eine Bahnverbindung gibt es nicht. Kommt man mit dem Zug an, dann muss man sich in Tiflis mit dem Auto abholen lassen und über Straßen fahren, auf denen man selten schneller als 40 Stundenkilometer fahren sollte, weil sie in einem rudimentären Zustand sind. Wie können hier Waren transportiert werden? Größere Flüsse gibt es nur in den tiefen Tälern, die das ganze Land durchziehen, so dass man auf längeren Strecken etliche Höhenmeter überwinden muss. Ich google „München – Tiflis“: Mir wird angezeigt, dass ich für die 3700 Kilometer sieben Tage mit unzähligen Zügen brauche plus einen Tag mit dem Auto bis nach Jerewan. Richtung Iran, im untersten Zipfel des Landes Richtung Süden, bräuchte man für 100 Kilometer 3 bis 4 Stunden Fahrtzeit, weil es dort nur noch Serpentinen und schmale Bergpässe gibt.
    Hier könnten Drohnen helfen, um Waren zu transportieren. Aber wer unterstützt so eine technische Möglichkeit, wenn die Menschen weder Arbeit noch Geld haben, um etwas zu kaufen?

     

    Doch zurück nach Vanadzor... Das gesamte Interieur in Susannas und Aros Zuhause wirkt wie aus einer anderen Zeit. Ich fühle mich um Jahrzehnte zurück versetzt, als ich selbst noch ein Kind war. 20 Jahre nach dem 2. Weltkrieg mussten alle Deutschen Flüchtlinge aus dem Osten bei sich aufnehmen, sofern sie übermäßig viel Platz hatten. Also wohnte eine Aussiedlerfamilie in dem hinteren Teil der 100 qm großen Wohnung von Oma Wera. Es gab wenig Licht und wenig Raum, weswegen alles über- und untereinander auf und in alten Schränken und Kommoden und Truhen gestapelt wurde. Man war froh über alles, was man besaß. Dinge wurden aufbewahrt und repariert. Meine Oma hatte im Keller ihre Waschküche, weswegen ich hier unten am Fluss auch die Vorrichtung mit dem welligen Dachbrett, dem Schlauch und der Wassertonne, über der ein Hemd auf einer Art Bügel zum Trocknen hing, eindeutig identifiziere.

    Susanna hat einen Herd und zeigt uns stolz ihre Küche, in der ein wildes Chaos herrscht. Hier wird gebacken und gekocht, was in der Umgebung angebaut wird: Lavash, das hauchdünne Fladenbrot aus Weizen, das so ausgewalkt wird, dass dadurch das Licht der Sonne schimmern kann. Alles wird darin eingewickelt: Frische Kräuter, die hier in großen Mengen wachsen und würziger Schafs- oder Ziegenkäse und milder Kuhkäse. Dazu wird frisches Gemüse gereicht und ein cremiger Quark, ähnlich dem griechischen und Butter für die vielen köstlichen, hausgemachten Marmeladen, die es hier in allen Farben gibt. Die leckerste, die ich jemals gegessen habe, war gekocht aus duftigen, glasierten, armenischen Rosenblüten. Fleisch ist eine Kostbarkeit und man verwendet es nur in sehr zarten Mengen. Der Armenische Wein ist hervorragend, besonders die Rotweine mit ihrer fast säurefreien beerigen Schwere.
    ... und ... bestehen darauf, uns auch ihr Zuhause auf der anderen Seite des Flusses zu zeigen. Wir folgen ihnen auf einer schmalen Hängebrücke. ... hält ihren kleinen Enkel an der Hand, um ihn sicher über die reissenden Fluten zu führen. Wie kommt man hier in den eisigen Wintern gefahrlos rüber? Auf der anderen Seite erwartet uns ein kleines Paradies. Vom Balkon des einfach gezimmerten Holzhauses winkt uns eine junge Frau zu und begrüßt lachend die fremden Gäste.

    Auf dem Weg zum Hauseingang kommen wir an einem weißen Kettenhund vorbei. Ich erinnere mich sofort an meine Mogli, meinen Australian Shepard, der auf meinem Bett schlafen darf und steuere freudig, die Arme weit ausgebreitet, auf das arme Wesen zu. In meiner Euphorie checke ich nicht, dass diese Kreatur das nur als Angriff werten kann, weil es die Menschliche Kommunikation nicht gelernt hat. Das weiße Flausch beisst also zu. Ich lache, will mir nichts anmerken lassen, weil ich die Stimmung nicht versauen will. Alle sind erschrocken. ... droht den Hund auf der Stelle zu töten, ich ziehe ihn mit einem deutlichen „No!!!“ weg, deute lachend auf mich: Ich bin selber Schuld! Alle sind erleichtert und sofort wird neben Verbandszeug und Jod jede Menge Essen aufgetischt. In dem Eintopf ist sogar Fleisch! Dankbar greifen wir zu und die Kamera wird zu dem Medium, durch das man ausdrückt, wie sehr man sich mag. Immer wieder fotografiere ich den kleinen ..., der uns stolz zeigt, dass er schon zählen kann. ..., seine junge hübsche Mama führt uns in ein Nebenzimmer, in dem friedlich ihr zweites Baby schläft. Daneben sitzt ein riesiges Plüschtier, vielleicht der Hauptgewinn von einem Besuch auf einem Jahrmarkt in einer großen Stadt. In dem kleinen Raum stehen vier Betten. Nach einem weiteren Kaffee, verabschieden wir uns. Susanna und ... begleiten uns an dem armen Felltier vorbei, über die schwankende Hängebrücke auf die andere Seite.

     

    Schrott und Perfektion
    Zuerst dachte ich, die vielen Haufen Schrott die man überall an den Straßen sieht, sind ein Zeichen für Unordentlichkeit. Aber nein! Alles an Material wird hier aufbewahrt. An den Ausfallstraßen der Städte wie Vanadzor reihen sich Autowerkstätten mit Regalen voller Reifen aneinander. Wer hier durch die Gegend fährt, muss öfter mal wechseln. Unser Fahrer Artiom schüttelt nur staunend den Kopf, als ich ihm erzähle, dass man streckenweise auf unseren Autobahnen 240 Stundenkilometer fahren darf. Was setzt das für eine Perfektion im Straßenbau voraus? Und was für eine präzise, konzentrierte Wahrnehmung des Verkehrs unter absoluter Einhaltung aller Regeln und Zeichen? Nirgendwo darf man sich den kleinsten Huckel erlauben, weder gedanklich noch materiell. Nicht umsonst gibt es in der Welt kein anderes Wort für die deutsche Erfindung „Autobahn“, das einen bestimmten Zustand von Straße definiert.

    In unserer deutschen Welt hängt die Funktionalität direkt zusammen mit Perfektion: „Vorsprung durch Technik!“ – und Gehorsam. Schon in den Schulen gelten die mathematisch-wissenschaftlichen Fächer als die wichtigsten. Dort lernen alle Schüler jene deutsche Präzision, die sich durch Fleiss und der genauen Anwendung von Regeln, Bauplänen und Gebrauchsanweisungen vervollkommnen lässt. Gemeinschafts- und Sozialkunde, Philosophie und Religion gelten als Nebenfächer und stehen in keinem thematischen Zusammenhang mit Physik oder Mathe. Aristoteles, Galileo Galilei und Kopernikus würden das nicht verstehen, denn sie haben erkannt, indem sie verknüpft und nicht getrennt haben.
    Trennen ist gefährlich! Sobald Politiker wieder öffentlich behaupten dürfen, dass eine Gemeinschaft nur dann in Sicherheit miteinander leben kann, wenn alle denselben Regeln folgen, mit anderen Worten, wenn sie alle dasselbe wollen und tun und das Unbekannte als störend abtrennen, Fremde ausschließen, Andersdenkende bedrohen, ist eine Demokratie gefährdet! Diese Form der Politik greift mit ihren Argumenten dann, wenn die Unterschiede zwischen Arm und Reich zu groß werden, wenn Kapital durch Kapital verdient wird. Die Voraussetzung für Demokratie ist gerechte Verteilung. Nur dann gibt es auch Chancengleichheit. Und sie ist die Grundvoraussetzung für Gerechtigkeit.

    Während wir durch die Städte und Dörfer fahren, wundere ich mich darüber, dass sich hier alles merkwürdig vertraut anfühlt, bis ich bewusst die Aufschrift auf einem Transporter „Wie machen für sie die Rohre frei!“ dechiffriere. Hier ließe sich wunderbar ein Comercial drehen über die Qualität deutscher Autos aus den 80igern und 90igern, die hier überall herum fahren. Manchmal sieht man auch ´Maschinen´, die aussehen, als wären diese noch mit Kohlen zu beheizen. Im ´Tal des Ararats´ renne ich fasziniert einem solchen Dampfmobil hinterher, das schwarze Rauchschwaden ausstößt, während es den steinigen Acker umgräbt. Dann dreht es um und steuert auf mich zu. Heraus steigt ein langer, schlacksiger Typ, der ein Shirt trägt, das dieselbe leuchtend rote Farbe hat wie seine Pflug-Lokomotive und macht mit zwei Fingern lachend das Victory-Zeichen. Wir geben uns die Hände, dann fährt wieder jeder in seine eigene Richtung.

     

    Wie wird man ein Armenier?
    Diese Frage stellt man sich als Armenier nicht. Und dass eine Fremde dies tut, ist wohl sehr selten. Wer will schon freiwillig die Nationalität eines Volkes annehmen, das so bedeutungslos ist, dass die Welt während des 1. Weltkrieges 1915 weggeschaut hat, als Millionen von christlichen Armeniern von Türken ermordet wurden?
    Jedenfalls weiß Artiom sie nicht zu beantworten. Ich bleibe hartnäckig: Ist man Armenier, weil man es will? Er schaut mich irritiert an. Ich ergänze: Weil man hierher kommt, um hier zu leben und Steuern zu zahlen und einen Pass beantragt? Artiom schaut mich ratlos an. Anders: „Am I an Armenier only because I have an Armenian Passport?“ Artiom sagt deutlich: „No!“ Aha, denke ich und warte. „“Because my father and mother are Armenians?“ „Yes! Of course!“ „Could I get an Armenian baby?“ Artiom schaut mich irritiert an. Ich lache: Okay, dafür bin ich schon zu alt! Er nickt.

    Es gibt 3 Millionen Armenier auf der Welt. 1 Million lebt in Armenien. Viele kehren nicht zurück in dieses Land, weil sie dort keine Chancen auf ein Arbeit und ein gutes Leben haben. Zur Unabhängigkeit im Jahre 1991 haben die Sowjets dem Land alles überlassen, was sie als Vorherrscher besetzt hielten. Nun stehen überall verlassene Industrieburgen mit langen Schornsteinen in der Landschaft. Düster erheben sie sich in den weiten Tälern oder an den Ortsrändern der Städte und Dörfer. Ihre glaslosen Fenster künden davon, dass es dieses Land ohne materielle Hilfe niemals alleine schaffen wird, ein funktionierender Industriestaat zu werden. Die Arbeitslosenrate des Landes beträgt 30%.
    Reiche Armenier unterstützen ihr Land und investieren Millionen in Kunst und Kultur, um Touristen anzulocken, aber sicherlich auch, um die Schönheit ihres Landes zu feiern. Überall werden aufwendig die Kirchen restauriert und Stiftungen wie die der Familie Cafestjian sorgen dafür, dass exquisit ausgewählte Kunstwerke hier ein Zuhause und die Anerkennung des Volkes finden.

    Voller Stolz fährt Artiom uns mit seinem neuen Automobil durch sein Land, das er in- und auswendig kennt. Der Wagen ist mit allem ausgestattet, was Menschen aus der westlichen Welt brauchen: Neben der Aircondition und einer gut klingenden Soundanlage, hat er Blue Tooth und W-Lan, das auch in den entferntesten Gegenden funktioniert und den Kontakt zu unserer Welt nicht abreißen lässt. Wir spielen uns Lieblingssongs vor. Ich entdecke mit Verwunderung, wie schwierig es ist mit deutscher Musik ein Lebensgefühl zu erzeugen, wenn man die Texte nicht versteht. Ist unsere neudeutsche Popmusik weniger ´musikalisch´? Ich weiß, dass Opernsänger es lieben, die deutsche Sprache zu lernen, um Mozart und Schubert, Beethoven und Wagner singen zu können. Warum wirken deutsch gesungene Texte immer so erklärend? Ich erinnere an den Satz eines Freundes: „Musik fängt da an, wo Sprache aufhört.“ Vielleicht ist Musik aber auch etwas ganz eigenes, etwas, das gar keine Sprache braucht.

    Armenien scheint ein ewiger Sehnsuchtsort der Seele zu bleiben, wenn man armenisches Blut in seinen Adern hat. So gibt es auch für all diejenigen die auch nur einen Tropfen davon in sich tragen das Angebot, jederzeit bei einer Familie als Gast zu leben, um mit Armenien vertraut zu werden.
    Ob man auch in die Armenische Kirche eintreten muss, wenn man ein richtiger Armenier werden will? Artiom zuckt mit den Schultern. Er lächelt.
    An seinem Rückspiegel baumelt, wie bei fast allen Autos, ein kleines, ziseliertes Kreuz am Rückspiegel. Generell kostet eine Taxifahrt 600 Armenische ´Dram´. 500 sind ein Euro. Gerührt erhalte ich mein Wechselgeld von einem Taxifahrer, der sich weigert die 1000 zu nehmen, obwohl er uns bei Nacht durch die ganze Stadt gefahren hat. Kann es sein, dass seine Ehre an einer angemessenen Bezahlung hängt, die etwas mit seinem Glauben zu tun hat? Sind die vielen Klöster und Kirchen hier tatsächlich nicht nur Kulturbauwerke, die es zu erhalten gilt, sondern Zeichen für gelebten Glauben? Es ist nun 104 Jahre her, dass Millionen Menschen in Armenien für ihren Glauben gestorben sind. Auf einer Anhöhe erinnert ein Mahnmal mit einem ewigen Feuer an den Genozid und hält das Gedenken an diejenigen lebendig, die ermordet wurden. Kann man ein ´echter´ Armenier sein, wenn man keinen Glauben hat?

  • Fragen zum menschlichen Antlitz


    Über das Portraitieren

    Kann man in der Form eines Gesichts lesen, wofür ein Mensch steht? Wann empfindet man ein Portrait als positiv oder negativ? Weil man es aus Zusammenhängen heraus erinnert, oder weil man erkennen kann, was für ein Mensch sich dahinter verbirgt?

    Wenn man ein Gesicht anhand seiner Formen dechiffrieren könnte, wären wir dann nicht auch dazu fähig, Absichten und Gedanken zu lesen? Und kann die künstlerische Interpretation eines Antlitzes bildhaft zeigen, wie sehr Form zu Inhalt wurde?

    Entwickeln wir uns zu dem, wie wir von Geburt an geformt sind oder formen wir uns durch unsere Gefühle und Gedanken selbst? Sind wir Mond oder Sonne, Resonanzkörper oder Lichtquelle?


    Kein anderes Lebewesen kann seine Gefühle mimisch so deutlich ausdrücken, wie der Mensch. Was für einen Vorteil haben wir durch diese Form der Evolution? Ist es die Mimik, die uns zur differenzierten Kommunikation befähigt und äußerlich den wesentlichen Unterschied verdeutlicht zwischen Mensch und Tier? Die Wissenschaft behauptet, nur 1,6 % unserer DNS unterscheidet sich von der eines Menschenaffen.
    Ist ´Lügen´ eine Begabung des Menschen, weil wir in der Lage sind, durch Mimik und Gestik und das Modellieren unserer Stimmen, das Gegenteil auszudrücken von dem was wir tatsächlich fühlen? Müssen wir dazu in der Lage sein, Zorn, Neid, Eifersucht, Stolz, Gier, Lust und Ignoranz zu unterdrücken, damit wir in Gesellschaften leben können?
    Gräbt sich die unerfüllte Sehnsucht in ein Gesicht, Glück oder wiederkehrender Frust und formt sich daraus Charakter? Kann man sehen, ob ein Mensch sein „Yes we can!“ wirklich glaubt, oder ob er diese Parole nur benutzt, um andere für sich zu begeistern? Ob er ein Idealist ist oder ein Demagoge?
    Ist es der Blick eines Menschen, der ´Bände spricht´ oder sind es die Tiefe der Nasalfalten, hängende Mundwinkel oder schmale Lippen, die uns erzählen, ob jemandem das ´Leben schmeckt´? Sind Falten Veranlagung oder selbst ´verschuldet´? Kann man die jugendliche Attraktivität der unberührten Unschuld bewahren, indem man weniger denkt und fühlt? Sollten wir hübschen Menschen mehr vertrauen als vom Leben gezeichneten? Ist eine hohe Stirn tatsächlich Hinweis auf eine hohe Intelligenz?
    Dient dem Menschen seine Fähigkeit dazu andere zu dechiffrieren oder beschränkt sie ihn durch Vorurteile? Sind Vorurteile dazu da, sich zu orientieren, weil Andersartigkeit immer auch zu einer Gefahr werden kann – für das Individuum, die Familie, den Stamm, das Volk? Dienen Feindbilder dazu, sich rechtzeitig zu verteidigen?
    Sollten wir mehr das glauben, was wir sehen, oder das, was wir hören? Können wir überhaupt unserer Wahrnehmung trauen? Oder ist diese so begrenzt, dass wir mitnichten die ´Freie Wahl´ haben?
    Gibt es Menschen, die zum Führen geboren sind und woran erkennen wir sie? Woran erkennt man überhaupt, ob ein Mensch gut oder schlecht ist? Ist ein guter Mensch derjenige, der seine guten Absichten nicht realisieren kann oder einer, der sie um jeden Preis in die Tat umsetzt?
    Ist ein Mensch böse, wenn er sich weigert der gewählten Autorität zu gehorchen, weil er sich seinem Gewissen mehr verpflichtet fühlt als der Führung seines Landes? Kann ein Mensch ´gut´ aussehen, wenn er immer wieder gegen seine Überzeugung handelt und wider sein Gewissen, um seine Macht zu erhalten? Können Machtmenschen gutaussehen? Was verbindet uns Menschen mehr miteinander, ein gutes Gewissen oder das Einhalten von Regeln?
    Gibt es überhaupt etwas, das alle Menschen miteinander verbindet und können wir dies erkennen? Sind die Augen das Fenster zur Seele? Und ist die Seele das, was wir suchen sollten, wenn wir Menschen uns finden wollen?
    Kierkegard sagte: „ Man kann sich auf zwei Arten irren. Man kann glauben, was nicht wahr ist oder man kann sich weigern zu glauben, was wahr ist.“ Es liegt an uns zu entscheiden, ob wir die Wahrheit sehen wollen oder nicht, ob wir frei und selbstbestimmt sind oder gebunden und fremdbestimmt, ob wir etwas dafür tun können, Freiheit zu erlangen oder ob es besser ist, die Führung anderen zu überlassen, ob wir die Welt gestalten oder nur Gestalt annehmen.

  • Zur Bundeskonferenz der Straßenkinder

    Auf dem 1. Bundeskongress für Straßenkinder in Berlin wurde von Jugendlichen unter der Leitung von Karuna ein Forderungskatalog entwickelt. Nun liest man diesen mit Verwunderung:

    Gefordert wird darin, dass man diese Jugendlichen überhaupt wahrnehme. Um zurück zu kehren in die ´normale´ Gesellschaft, in der man zur Schule gehen und eine Ausbildung erlernen möchte, wird gefordert, dass es in den Ämtern Vertrauenspersonen geben solle und Ansprech-´Partner´, dass Geld bereit gestellt werden solle, um sich den ganzen Tag über ernähren zu können, Unterrichtsmaterial kaufen zu können. Sie fordern einen verständlichen Umgang mit Amts-Unterlagen, eine freundliche Behandlung und wollen unter Führung von Sozialarbeitern lernen, wie man mit Geld umgeht, des Weiteren ´Chill-out-Räume´ in Schulen, mit anderen Worten Räume, in denen man Kraft schöpfen kann, um sich von dem ewigen Leistungsdruck zu erholen und sie fordern Aussicht auf einen Platz zum Leben.

    Diese Jugendlichen fordern Dinge, die eigentlich so selbstverständlich sind, dass man sich nur wundern kann darüber, dass ihnen all das abgeht. Dabei wird uns durch die Organe der Parteien und über die Medien doch immer wieder mitgeteilt, wie gut unser Sozialsystem funktioniere und vor allem, wie weit entfernt davon andere Nationen im Vergleich seien.

    Was in dem Forderungskatalog zum Ausdruck kommt, ist vor allem eins: Dass diese Jugendlichen alleingelassen sind, dass sie niemanden haben, der Ihnen zur Seite steht, dass sie nicht versorgt werden, dass sie völlig überfordert sind mit ihrem Leben und deswegen jeder zusätzliche Leistungsdruck bedrohlich ist für ihre Existenz.

    Neben der Grundausstattung zum Leben fordern sie vor allem dies: Nachsicht und Verständnis und die Einsicht dafür, dass sie wollen, aber unter den gegebenen Umständen einfach nicht können, weil ihnen ein Mindestmaß an Versorgung abgeht, das jedes Kind braucht, um sich ´normal´ entwickeln zu können: Ein Zuhause, in dem man nicht einer Willkür ausgesetzt ist, derer man sich weder physisch noch psychisch widersetzten kann.
               Was treibt Kinder auf die Straße? Wann ziehen sie die Isolation dem Zusammenleben mit Eltern vor und hauen ab? Was muss passieren, dass sie lieber harte Drogen nehmen, obwohl sie wissen, dass es dann meistens kein Zurück mehr gibt, weil sie davon abhängig werden und krank?

    Zum einen ist es Machtmissbrauch, verübt oder zugelassen von denjenigen, die sie eigentlich beschützen sollten, den eigenen Eltern. Diese Erwachsenen sind oft selber traumatisiert, erleben Missbrauch oder sind so überfordert mit ihren Lebensumständen, dass sie ihre aufgestauten Aggressionen in Form von Gewalt ausleben und die Kinder schwer misshandeln oder auch sexuell missbrauchen. Kinder, die weg laufen, fliehen vor Erwachsenen, die ihr Leben bedrohen, körperlich wie auch seelisch.
                Zum anderen ist es Ignoranz. Eltern haben keine Lust sich mit ihren heranreifenden Kindern auseinander zu setzen, denn das ist nervenaufreibend und kostet nur Zeit. Die Jugendlichen werden äußerlich mit allem versorgt, sind ansonsten aber sich selbst überlassen. Das treibt Jugendliche in eine orientierungslose Einsamkeit, die manchmal durch Selbstmord beendet wird.

    Wenn ein Kind anfängt Drogen zu nehmen, ist dies ein Zeichen dafür, dass es etwas braucht, um zu entspannen. Wenn ein Kind keine Möglichkeit hat, Momente des Glücks durch andere Zusammenhänge zu erleben, dann wird es abhängig. Die Reisen werden immer weiter und die Drogen härter, weil die Realität getauscht wird gegen eine Traumwelt, in der es das erlebt, wonach es sich am meisten sehnt, nach Geborgenheit und Liebe.

    In dieser Parallelwelt muss man sich nicht mehr rechtfertigen für das, was Zuhause passiert, oder gegen das, was man nicht auf die Reihe kriegt, oder das, was einen zutiefst beschämt und worüber man mit niemandem reden kann. Viele betäuben sich mit Alkohol oder sie ´machen Urlaub´ mit Mitteln mit Namen wie „Extasy“, „Chrystal Meth“ oder „Crack“, so als würden sich dann alle Probleme von ganz allein verwandeln in exstatische Liebesgefühle, kristalklare Wahrnehmung und die Zuversicht, die man braucht, Sollbruchstellen zu überwinden, um sich wohl zu fühlen. Zusammen mit anderen, die auch Suchende sind und die ohne Worte verstehen, konsumieren Jugendliche Drogen, um zu bekommen was man so sehr vermisst: eine Familie, zu der man bedingungslos gehört in einer Gemeinschaft, in der kein Leistungsniveau erreicht werden muss, um dazu zu gehören.

    Dass Kinder nicht mehr funktionieren, wird außerhalb der Familie meistens erst wahrgenommen, wenn sie nicht mehr zur Schule gehen. Dann beginnt es von Amtswegen abzurutschen in die Illegalität. Anstatt dem entgegen zu wirken, indem man Rücksicht nimmt, verstärken leistungsorientierte und auch hilflose Lehrer den Druck oftmals. Ein Kind, das in der Schule nicht funktioniert, wird degradiert. Dabei kann jeder Mensch sehr viel lernen, wenn er nur genug Zeit bekommt, um seine Technik zu entwickeln, Zusammenhänge zu verstehen und zu verknüpfen.

    Die Grundschullehrerin meiner Tochter zeigte uns Eltern bei dem ersten Elternabend, was unsere Kinder an Hochleistung erbringen müssen, wenn sie Lesen und Schreiben lernen, indem sie chinesische Schriftzeichen auf die Tafel schrieb und uns Eltern dann aufforderte, einige davon sofort zu erlernen. Das Ergebnis war niederschmetternd. Wir brauchten ewig, bis wir etwas derartig Fremdes überhaupt erkennen und dann zuordnen konnten.

    Doch wie soll man in einem Zuhause lernen, wenn man sich nicht konzentrieren kann, weil man Angst haben muss vor Willkür oder Missbrauch? Wie soll man als Jugendlicher heraus finden, was wichtig ist und was unwichtig ist, wenn man emotional auf sich gestellt ist, isoliert und einsam, so dass einem die Welt als sinnlos erscheint?

    Kinder und Jugendliche, die in die Illegalität abrutschen, weil sie nicht mehr nach Hause kommen, Drogen nehmen, nicht mehr zur Schule gehen, Hausfriedensbruch begehen, Essen klauen, sich prostituieren, leben auf der Flucht. Sie haben jedes Vertrauen darin verloren, dass man ihnen wirklich helfen will. Anstatt zu verzweifeln legen sie sich lieber eine Rüstung zu und verwandeln sich in Krieger und Kriegerinnen die vogelfrei leben. Doch diese Hülle ist vor allem ein Schutz davor, wieder verletzt zu werden. Das Absurde daran ist, dass der Stoff, der ihre Träume ausmacht bald schon der Stoff ist, der sie in die absolute Verzweiflung treibt. Ein Kind zurück zu holen, zu entgiften und dafür zu sorgen, dass es clean bleibt, heißt vor allem, ihm zu zeigen, dass es erwünscht ist, dass es einzigartig ist und dass es eine Chance hat. Das kostet Zeit.

             Was in dem Forderungskatalog deutlich zutage tritt, ist der Wunsch, wieder in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Diese Jugendlichen wollen lernen, wollen Leistung erbringen, weil sie teilnehmen wollen an dem, was wir Gesellschaft nennen. Sie wollen nicht mehr fliehen, sondern sich die Erlaubnis holen, wieder mitzumachen. Doch die Verfahren sind so kompliziert, dass sie Hilfe brauchen, das Amtsdeutsch zu verstehen. Wie ein Flüchtling, der von sehr weit her kommt, müssen auch sie um Wiederaufnahme bitten.

    In unserer Welt gibt es tausende von Regeln, die dazu dienen, dass Millionen von Menschen hier miteinander leben können. Und es wird immer komplizierter zu verstehen, wie man sich zu verhalten hat, was man können muss, damit man teilnehmen darf. Die Sozialisierung, das heißt, die Eingliederung eines Individuums in die große Gruppe unserer ´Volksgemeinschaft´, kann nicht von Beamten und Sozialarbeitern bewerkstelligt werden, wenn die Gesellschaft nicht nachsichtig und großzügig ist, wenn sich nicht alle wünschen, dass wir eine große Gemeinschaft bilden, in der jeder, egal wie anders er ist, seinen Platz finden kann, sofern er sich darum bemüht.

    Ein Kind, das an einer Kreuzung steht und nicht weiß, was die weißen Streifen auf der Fahrbahn bedeuten, dem müssen wir zeigen, dass es aufmerksam und vorsichtig sein muss, dass es aber auch ein Recht darauf hat, wahrgenommen zu werden, um auf die andere Seite zu gelangen.

    Was würde passieren, wenn das Anderssein nicht mehr als bedrohlich erlebt wird, sondern als Herausforderung? Was wäre, wenn wir mutig genug wären, das Fremde entdecken zu wollen? Was würde sich in unserer Gesellschaft verändern, wenn wir das tun, wozu uns die Jugendlichen in ihrem Forderungskatalog aufrufen: „Nehmt uns wahr!“, wenn wir wieder unserer eigenen Wahrnehmung trauen, einander in die Augen schauen und zuhören? Würde dann das entstehen, was wir uns alle so sehr wünschen – Sinn?

    Christian Morgenstern sagte einmal: „Schönheit ist eigentlich alles, was wir mit Liebe betrachten.“ Vielleicht kann man diese Aussage ergänzen und sagen: „Schön und klug wird eigentlich alles, was wir mit Liebe behandeln.“